„raus bist du noch lange nicht“

Ordentlich in Zweierreihen sortiert spazieren die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Am Pleiser Wald den kurzen Waldweg zur Turnhalle, wo eine Theateraufführung mit Abwechslung vom Unterrichtsalltag lockt. Vorbereitet wurden die Kinder selbstverständlich von ihren Lehrerinnen auch. Aufmerksamkeit und Ruhe wurde empfohlen, vielleicht gab es sogar bereits ein kleine Einführung ins Thema des Stücks, in dem es ums Dazugehören, Ausgrenzen und Glücklichsein gehen soll. Und weil fast alle Schulkinder bereits Erfahrungen mit dem bürgerlichen Kulturbetrieb haben, sind die Erwartungen auch entsprechend: Man setze sich still auf einen Stuhl, richte den Blick nach vorne, warte bis der Vorhang sich öffnet und applaudiere kräftig, wenn das Ensemble sich am Ende verbeugt.

Doch dann kommt alles ganz anders. Im Carré angeordnet stehen mitten in der Turnhalle die Sitzreihen, die Bühne bildet das Quadrat in der Mitte. Hier wird schon deutlich, dass dieses Schauspiel es keinesfalls erlaubt, dass man sich gemütlich zurücklehnt und sich unterhalten lässt. Kaum haben die Schülerinnen und Schüler Platz genommen, wurden einzelne wieder von ihren Plätzen gescheucht mit dem augenzwinkernden Argument, dass Brillenträger zum Beispiel nie hintereinander sitzen dürften oder dass es ja wohl logisch sei, dass Mädchen mit Kopftuch immer auf Höhe der Mittellinie sitzen müssten.

Darauf folgte ein erbitterter Streit der beiden Schauspieler Karoline von Lüdinghausen und Joachim von der Heiden darüber, wer denn nun anfangen dürfe. Spätestens da wurde die erste Irritation bei dem jungen Publikum deutlich. „Hat das jetzt schon angefangen?“, „Gehört das schon zum Stück?“, so die verwirrten Fragen der Grundschüler. Mit großen Papphüten und noch viel größeren Gesten wurde es dann aber schnell rasant beim Ensemble „theater monteure“. Bald war die Grenze zwischen Zuschauern und Schauspielern nicht mehr eindeutig zu ziehen. Alle spielten mit und alle konnten so erleben, wie es sich anfühlt, einmal Anführer einer Gruppe zu sein, dann Ausgestoßener, dann irgendwo in der großen Masse aufgehend.

Seinen furiosen Höhepunkt fand die Vorstellung schließlich im Königreich der Socken, in dem Königin Karoline sich selbst zur Herrscherin ausgerufen hatte. Mit unzähligen Kindersocken wurde sie dafür – sei’s als Huldigung oder auch als Zeichen des Protestes – beworfen.

Mit viel Charme und Witz verstanden es die beiden Schauspieler dem komplexen Thema vom Glücklichsein zwischen Klischee und Toleranz die Leichtigkeit eines Kinderspiels zu verleihen. Vielleicht waren es aber auch die jungen Zuschauer, die der vielschichtigen Materie ihre natürliche Leichtigkeit abzutrotzen wussten.

Sabine Brockmann

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